Begleitung in der letzten Lebensphase
Auf der Brücke zwischen Leben und Tod
Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod bringt Menschen dem eigenen Leben näher. Caritas Zentralschweiz bietet dazu seit 25 Jahren einen Kurs an. Die Nachfrage ist ungebrochen gross.

Sterben_ am Übergang vom Leben zum Tod. | Bild: Gregor Gander
Elf Frauen und Männer sitzen im Kreis, heute geht es um das Thema Trauer. Kursleiterin Heidi Müller fragt nach eigenen Erfahrungen. «Wir sind eine Gesellschaft, die verdrängt», sagt jemand. «Wir haben Angst, das Falsche zu sagen, der Alltag soll möglichst bald wieder funktionieren.» Müller nickt und sagt, wie wichtig es sei, sich nach einem Verlust Zeit zu geben: «Trauer ist die Lösung, nicht das Problem.»
Trauer ist eines der Themen am Grundkurs «Begleitung in der letzten Lebensphase» (siehe Kasten), an anderen der acht Kurstage geht es etwa um Spiritualität, Pflege oder die Begleitung Angehöriger – und dabei jedes Mal um die Reflexion über den eigenen Lebensweg und die eigenen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Trauer. «Der Kurs ist für mich eine Lebensschule», sagt entsprechend Rita Müller (61) aus Urswil. Sie hat ihn Ende Juni abgeschlossen; eine eigene Krebserfahrung, das Sterben des Bruders und der Eltern hatten sie zur Teilnahme bewogen.
Der Grundkurs «Begleitung in der letzten Lebensphase» ist ein Angebot der gleichnamigen Caritas-Fachstelle, die vor 25 Jahren entstand. Deren erste Leiterin Bernadette Schaller-Kurmann gewann für ihre Idee Heidi Müller, die ihr Theologiestudium mit einer Arbeit über Sterbebegleitung abgeschlossen hatte. Schon damals wie auch in ihrer Zeit als reformierte Pfarrerin habe sie immer wieder festgestellt, wie «total hilflos» Menschen angesichts des Todes seien. Müller, inzwischen 68, gehört bis heute zum Team des Sterbebegleitkurses, den sie inzwischen mit Thomas Feldmann (64) und Katja Thürig (59) gestaltet. Feldmann, Theologe und Therapeut, leitet die Caritas-Fachstelle seit acht Jahren, Thürig deckt die pflegerischen Belange ab. Feldmann sagt, heute gehe die Gesellschaft zwar freier mit Sterben und Tod um. «Aber was heisst das für den eigenen Alltag, wenn man zum Beispiel selbst schon 70 ist und die eigenen Eltern pflegt?», fragt er. Angehörige seien heute weniger stark ins Sterben einbezogen als frühere Generationen.

Nachfrage ungebrochen
Inzwischen haben rund 1600 Personen den Grundkurs abgeschlossen, zum grössten Teil Frauen. Es sind etwa Menschen aus pflegerischen, sozialen und seelsorgerischen Berufen, solche, die in die freiwillige Sterbebegleitung einsteigen oder sich einfach vertieft mit Sterben und Tod auseinandersetzen möchten. Diesen September beginnt schon der 80. Kurs.
Mit ein Grund für die ungebrochene Nachfrage ist, dass Begleitgruppen für Schwerkranke und Sterbende den Kurs für ihre Freiwilligen zur Bedingung machen. Doch das gibt nicht den Ausschlag: «Die Menschen sind suchend geworden, wenn es um die Themen Sterben und Tod geht», stellt Müller fest. Sie spricht von einem «unglaublichen Bedürfnis». Feldmann schliesst sich ihr an: «Das Wissen um die Vergänglichkeit und das Interesse, für Menschen in der letzten Lebenszeit da sein zu wollen, führt Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Lebenssituationen zusammen», stellt er fest. Das Vertrauen und die Offenheit berührten ihn immer wieder.
«Wir waren hilflos»
Teilnehmende, die den 79. Kurs im Juni abgeschlossen haben, bestätigen die Erfahrungen von Müller und Feldmann. «Der Austausch geht in die Tiefe», sagt etwa Monika Wälti (59) aus Aarwangen. Als ihr Vater im vergangenen Dezember starb, sei ihr bewusst geworden, wie sehr sie das Thema Sterben «immer wieder verdrängt» habe. Die letzten drei Wochen seien «sehr schwierig» gewesen: «Wir waren hilflos und hatten keine Ahnung, was tun.» Sie habe den Kurs für sich besucht, überlege sich nun aber, sich in der Sterbebegleitung zu engagieren.
Die Motivation von Kilian Huwyler (62) aus Hausen am Albis war ähnlich. Er habe lange Angst vor dem Sterben und dem Tod gehabt, sagt er. Dem habe er sich stellen wollen. Nun, nach dem Kurs, schiebe er solche Gedanken nicht mehr von sich weg. «Ich merke vielmehr, dass ich immer mehr in Frieden komme damit.» Fredy Städler (71) aus Luzern wiederum nahm teil, um vieles «über das Menschsein und die Essenz des Lebens»
zu erfahren.
Sich mit dem Leben verbinden
Müller, Thürig und Feldmann freuen sich, wenn der Kurs Menschen so weit führt. Sie sprechen ohnehin lieber von Lebens- als Sterbebegleitung. Müller: «Wir verbinden uns mit dem Leben im Wissen darum, dass es eines Tages zu Ende geht.»
Nächster Grundkurs beginnt im Januar
Der Grundkurs «Begleitung in der letzten Lebensphase»
der Caritas Zentralschweiz befähigt dazu, Schwerkranke und Sterbende zu begleiten oder sich auf das Lebensende von Angehörigen vorzubereiten. Gleichzeitig ist er eine Möglichkeit, sich mit der eigenen Sterblichkeit und mit Abschied auseinanderzusetzen. Der Kurs dauert acht Tage, der nächste beginnt am 11. Januar 2027 und findet in Luzern statt. Der Infoabend dazu (empfohlen) findet am November um 19 Uhr online statt.